Unbekümmert in 2019

Wir wurden ziemlich genial ausgestattet. Wir haben (im Normalfall) genau das Maß an Ängstlichkeit und Besorgnis, um rausgehen zu können unser Leben zu leben - aber auch um Gefahr zu wittern, wenn sie um uns herum flattert.

Sorgen machen ist also eine ganz normale Software- Komponente unseres Gehirns - kaum auszuschalten. Unsere ständige Besorgnis hat sich während der letzten Tausende Jahre als perfekte Überlebensstrategie erwiesen. Seien wir also froh darüber.

Die Sache hat einen Haken.

Heute steht die Ängstlichkeit in keinem Verhältnis mehr zu den realen Lebensgefahren. Wir leben nicht mehr in der Savanne, wo bei jedem Wasserloch ein ziemlich fieses, hungriges Tier wartet. 

Kurzum, 90% unserer Sorgen sind ziemlich unbegründet - entweder weil die in unserem Kopf gewälzten Probleme nicht wirklich gefährlich sind oder - weil wir eh nichts dran ändern können. 

Unsere ständige Angst führt zu chronischem Stress, der sogar im Labor messbar ist, der uns wiederum Lebensjahre kostet.

 

SPERLINGE - KLEINE ANGSTHASEN???

Ein beeindruckendes Beispiel aus dem Tierreich illustriert das Problem: Sperlinge haben eine Menge natürlicher Feinde: Waschbären, Eulen, Falken usw. Nun überzogen kanadische Forscher ein ganzes Waldstück mit Netzen und sperrten so die natürlichen Feinde aus. Noch nie konnten sich die Sperlinge so sicher fühlen. Dann bestückten die Forscher den Wald mit versteckten Lautsprechern. In einem Teil des Waldes waren Geräusche von natürlichen Feinden zu hören, im anderen Teil des Waldes nicht bedrohliche Naturgeräusche. Jene Sperlinge, die mit den "bösen" Geräuschen berieselt wurden, legten 40% weniger Eier, die Eier waren kleiner, weniger davon wurden ausgebrütet, viele der geschlüpften Küken verhungerten, weil die Eltern aus Angst zu wenig Futter anschleppten und die überlebenden Küken waren schwächer. Das Experiment zeigt eindrücklich: Es braucht nicht mal eine reale Bedrohung, Angst allein kann ein ganzes Ökosystem beeinflussen. 

 

WAS WIR MIT SPERLINGEN GEMEINSAM HABEN

Was für Sperlinge gilt, gilt auch für uns Menschen, schlimmer noch: Wir haben nicht nur Angst vor Feinden, sondern grübeln über alles Mögliche nach. Die chronische Angst, die daraus resultiert, führt oft zu falschen Entscheidungen und kann krank machen - selbst wenn objektiv keine Gefahr herrscht. 

Leider kann ich Ihnen den Schalter nicht zeigen, um die Lautsprecher in Ihrem Kopf einfach abzuschalten. Aber vielleicht können Sie es wie die alten Stoiker machen: Finden Sie heraus, was Sie beeinflussen können und was nicht. Was Sie beeinflussen können, das sollten Sie anpacken, was Sie hingegen nicht beeinflussen können, darüber sollten Sie sich keine Gedanken machen.

 

TIPPS & TRICKS 

Vielleicht helfen Ihnen diese 3 Tipps:

  1. Nehmen Sie ein Notizbuch - betiteln Sie es: "Mein großes Sorgenbuch". Legen Sie sich eine fixe Zeit fest, in der Sie sich um Ihre Sorgen kümmern wollen. Konkret: Reservieren Sie sich 10 Minuten täglich, um alles aufzuschreiben, was Sie beschäftigt. Egal wie berechtigt, doof oder schwammig.  Ihr Gehirn weiß im Anschluss: Ihre Sorgen sind protokolliert und werden nicht ignoriert - und der Rest des Tages wird einfacher. Nehmen Sie jeden Tag eine neue Seite. Am Wochenende lesen Sie dann alle niedergeschriebenen Sorgen durch und folgen der Anweisung des Mathematikers Bertrand Russel - sinngemäß: "Stellen Sie sich die schlimmstmöglichen Konsequenzen vor, und zwingen Sie sich, sogar darüber hinaus, zu denken. Sie werden feststellen, dass die meisten der Sorgen einfach verpuffen. Was übrig bleibt, sind echte Gefahren, die Sie anpacken sollten!" 
  2. Schließen Sie Versicherungen ab. Versicherungen sind eine großartige Erfindung. Sie gehören zu sehr eleganten Sorgenkillern. Die wahre Dienstleistung ist nicht die monetäre Vergütung im Schadensfall, sondern die Reduktion Ihrer Sorgen während der Laufzeit. 
  3. Konzentrierte Arbeit ist die beste Therapie gegen Grübeleien. Konzentrierte, erfüllende Arbeit ist besser als Meditation. Sie lenkt ab, wie kaum etwas anderes! 

Wenn Sie diese drei Strategien anwenden, können Sie es vielleicht wie Mark Twain halten: 

"Ich bin ein alter Mann und habe viele Kümmernisse erlebt - von denen die meisten nie geschehen sind." 

Und wenn doch belastende Sorgen und Ängste bleiben - besuchen Sie mich gerne in der Sprechstunde - gemeinsam können wir nach Möglichkeiten suchen, damit Sie unbekümmerter sein können. 

 

Übrigens: Das Bild habe ich auf einem Markt in Marrakesch aufgenommen - die unterirdischen Gestalten, die aussehen wie Fledermäuse, war Fleisch aus dem Erdofen, das sehr gut roch. Probiert habe ich es nicht - hatte zu viel Angst vor allem Möglichem  ….     :-)  

(Zitate aus dem Buch: Die Kunst des guten Lebens von Rolf Dobelli)